Man muss die Welt in der man lebt nicht begreifen, aber man sollte sich bemühen. Die Wut wird größer, die intellektuelle Verwirrung lässt dann jedoch nach. Konkretes Beispiel: "Typisch deutsch".
Für zwei meiner Beiträge erhielt ich in letzter Zeit Kritik. Von der konstruktiven einmal abgesehen, regnete es neben "sehe ich genauso"-Bekundungen in meinem unmittelbaren Bekanntenkreis und dann nochmals an anderer Stelle, von zwei Seiten auf eine Art und Weise negativ ein, dass man meinen könnte, das Dach sei ein schweizer Käse und draußen würde die Welt untergehen.
Auf die zahlreichen Schubladen möchte man eigentlich gar nicht groß eingehen, der Text hat in ausgedruckter Form noch seine Erfüllung als Toilettenpapier gefunden. Allerdings soll auf einen Punkt besonders eingegangen werden: "typisch deutsch".
Spätestens an dieser Stelle hat sich das Lesen des restlichen Textes erübrigt - und da dies mitunter die ersten Worte waren, war es auch ein kurzes Lesevergnügen. Von der Tatsache abgesehen, dass eine solche Wortwahl soviel Dialogbereitschaft wie ein Bluthund auf Diät beweist, ist dieser rhetorische Selbsttorpedo schon deswegen falsch, weil der hier Schreibende schockierenderweise gar kein Deutscher ist. Welch fabulöse Überraschung.
Dies, wiederum, zeigt aber eindrucksvoll in welchem Dilemma sich eine Nation befinden muss, in der die gegenseitige Selbstzerfleischung dazu führt, dass jede Kritik grundsätzlich auf eine vermeintlich nationale Eigenart reduziert wird. Geht der Bürger auf die Straße muss er a) deutsch sein und folglich b) ein Nörgler sein. Ein professioneller gar, vielleicht ein bezahlter. Wer weiß, vielleicht wurde ihm gar seine Gerichtsbarkeit aufgrund eines diagnostizierten Nörgelwahns aberkannt? Vielleicht ein Wutbürger? Einer von diesen Wohlstandskindern?
Aber ist es nicht einfach nur alt und überholt? Muss es einem nicht längst schon überdrüssig sein angesichts solch dummdreister Unterstellungen wie "German Angst"? Gene und Verhalten sind ja schon schwer miteinander zu vereinen - Gene, Verhalten und Nationen sind aber plötzlich die neue Volks-Meinung. Na da rufe doch jemand einen sanitären Rettungsdienst zwecks Silikon-Einlauf, da läuft einem doch bald das Hirn aus der Nase.
"Typisch deutsch" ist ungefähr das, pardon, dämlichste Totschlagargument, welche tragischerweise je das Licht der verbalen Welt erblickt hat. Die Reduzierung eines Verhaltens bei gleichzeitiger Projektion einer individuellen Beobachtung auf eine ganze Nation. Welch ausgemachter Unfug - aber welch genialer Schachzug. Denn auf diese Weise soll wohl der Bauer aus der Reserve gelockt werden.
Nur, wohin?
Mal angenommen, es wäre "typisch deutsch" zu nörgeln. So widerspräche dies einer positiven Bewertung von irgendwas. Wie kommt der prototypische Deutsche denn zu 90% für Skyrim? Etwa über eine Bewertungsanleitung anderer Länder? Im Sinne von "Rating for Dummies".
Damit sei bewiesen, dass "typisch deutsch" ausgemachter Schwachsinn ist - auch deswegen, weil die von mir im konkreten Falle Skyrims dargestellten Mängel auch von Schreiberlingen anderer nicht-deutscher Nationen - neben meiner - angeprangert worden sind.
Der Aussage "typisch Deutsch" kann ich daher nichts abgewinnen und dieser ständigen Selbstzerfleischung übrigens auch nicht. Weil es Unfug ist, ein Diskussionskiller - so man denn um Diskussion eher noch als um einen Monolog bemüht ist - und ein Fass ohne Boden (ist der Nörgler an einem Nörgler nicht auch "typisch Deutsch"?).
Daher, liebe Leute, steht auf und wehrt euch. Ihr seid facettenreich, egal woher ihr kommt. Ihr habt Humor, ehrlich wahr; vielleicht habt ihr auch keinen - auch gut. Und viele sind auch gebildet, bemühen sich um korrekte Aussprache, um ein gutes Miteinander und sind offen für alles und jeden. Auch für Meinungen anderer. Lasst euch nicht in eine Schublade stecken und steht einfach dazu, dass ihr alle anders seid.
Und wenn ihr mal wieder jemandem begegnet, der euch zufällig doch mit einer Schublade verwechselt, einfach nicht darauf eingehen. Wer jemand anderen ohne offensichtliches Hintergrundwissen auf etwas reduziert, hat keinen Dialog verdient. Allenfalls etwas anderes - aber das wäre zutiefst typisch menschlich.
P.S.: Über Geschmack lässt sich bekanntlich streiten, über die nachweislich vermurkste Steuerung - die auch Bestandteil der Skyrim'schen Kritik war - nicht. Wenn derlei Aspekte für einen wichtig sind, dann ist das genauso zu berücksichtigen wie jene Meinung, die darüber hinwegsehen kann.
Willkommen im Pluralismus - Geschmack ist nicht, wenn eine Mehrheit entscheidet was alle essen müssen. Wer nicht unabhängig von der Mehrheits-Nadel entscheiden kann, soll an ihrem Tropf hängen bleiben, aber tue bitte anderen den Gefallen, ihnen ihre eigene Vernunft nicht zum Gegenstand von Vorwürfen zu machen.
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