Mittwoch, September 21

Sänk you for travelling wiff Deutsche Bahn (2)

Im vorherigen Posting ging es noch um die Hinfahrt zur Bahn, von der ich annahm, dass sie nicht schlimmer werden konnte. Ich hatte mich wohl zu früh gefreut, denn im Leben gibt es eine goldene Regel: "Alles kommt schlimmer als man annimmt".

Der Rückreisetag kam und ich prüfte meine Verbindung: Alles gut, die Bahn hat die Rückreise ja bereits mit einem großen "F...you, nix is mit Plan" kurzerhand zu einer Umstiegsorgie erklärt. Alles wie gewohnt, eben.
Ich prüfte daher meine wunderbare "Bahn-App", die beim Laden ein mal einfror (und sich damit analog zu den Zügen im Winter verhielt), die mir sagte, das alles ok sei. Mmh, was denn nun? Verspätung oder nicht?
Daher kurz die Bahn-Seite geöffnet, Start, Ziel und Zeit angegeben: Zack, Verspätung. Also doch, du blöde App! Ich seufzte und richtete mich innerlich auf viel Umsteigearbeit ein...

Der Tag verging und mein Geschäftstermin war vor der geplanten Zeit vorbei. Jetzt hatte ich die Wahl, fast drei Stunden die Umgebung Paderborns zu untersuchen oder (und ich entschied mich auch für "oder") ins Reisezentrum zu hüpfen. Puh, schwere Entscheidung.

Im Reisezentrum kam ich erstaunlich schnell dran. Gut, im Grunde ist dies auch keine Überraschung, wird vermutlich ein Großteil alles online abfackeln. Der Mann hinter dem Schalter strahlte mit jeder Faser die rheinische Gemütlichkeit aus, für die man so berühmt (berüchtigt) ist. Ich fragte nach einem früheren Reiseziel:

"Da ist ein Zug, der kommt gerade an"

Ist etwas spät, oder?

"Jo, der ist auch schon fast abgefahren. Aber ich hätte was für Sie, in 15 Minuten. Und es kostet sie nichts, denn Sie haben ein Flexiticket"

Ah, klasse und was ich noch fragen wollte: Wie sieht es mit der Reservierung aus?

"Die kostet extra"

Äh, na gut. Also bezahlt, hoch zum Gleis und...

"... der Zug fährt heute vom Gleis 9, nicht 8. Ich wiederhole: 9..."

Also wieder runter, hoch. Ich war gefangen im Bahnhofs-Ballett der Umsteiger. Es wirkte fast wie eine perfekte Choreographie. Erstaunlich, zu was man die Menschen bringen kann, wenn man sie nur intensiv nervt.

Also, auf hoch zum Gleis. Warten...

"Der Zug hat übrigens Verspätung"

Überraschung! Also war eben Ausharren angesagt. Macht ja nix, hab ja Übung...

"Der Zug fährt ein..."

Juhu!

"... Dieser Zug endet hier"

WAS?!

Alle etwas verwirrt. Doch dann kam die Information, dass das ja der Grund für die Verspätung sei und überhaupt der eigentliche Zug noch nachrücke. Gut, wieso auch nicht. Daher: Abwarten. Hauptsache, diese Zug-gewordene Verspätungsursache macht die Gleise für meinen Zug freu!

Und so kam es auch. Ich stieg ein und freute mich über eine Regionalbahn, die den Flair eines Dschungelexpresses versprühte. Die einzige Klimaanlage, die man hatte, war die, die gemeinhin als "Russisch" bezeichnet wird (Fenster auf, fertig). Damit ließ es sich in der Hitze noch leben, aber die Leute waren grummelig, was man ihnen ansah und teils auch hörte.

Ein Schaffner kam kurz aus der Führerkabine raus, sah in die Menge, drehte sich um und schloss die Türe. Es wurde kurz gelacht, aber vermutlich hätte es der gute Mann nicht überlebt, jetzt noch Leuten die Scheine abzuknöpfen. Ich hätte ihm nichts getan, zumal es mir auch gut ging: Ich saß im Gang und konnte mir alle Fenster so öffnen, dass ich überlegte, wie lang es dauern würde, bis durch die unterschiedlichen Strömungen ein Tornado durch den Gang fetzen würde...

Diese S-Bahn hier hielt nur an Bahnhöfen, die mit X begannen, weswegen wir zügig (höhö, wasn Wortspiel) vorankamen. Am Bahnhof von Hannover angekommen, kamen mir zwei Zeugen Jehovas mit ihrem Wagen entgegen - super, ich war durch den Bahnsteig-Marathon nicht schon genervt genug...

"Guten Tag, glauben Sie an Gott?"
Ich überlegte nicht lange und antwortete: "Ich steige gerade aus der Bahn aus, was meinen Sie, wie es um meinen Glauben steht?" - verdutzte Gesuchter

"Es gibt einen Weg ins Paradies"
Um genau zu sein, dachte ich mir, gibt es einen: In 15 Minuten kommt ja die nächste Bahn. Da ich es aber eilig hatte, antwortete ich kurz... "Ja, weiß ich"

Das war mein Fehler...

"Sind Sie sich sicher?"
Jetzt war ich sauer, was äußert selten der Fall ist: "Ja, sowas von. Und zur Not habe ich noch einige andere Religionen angenommen, damit ich auf Nummer sicher gehen kann"

"Dafür können Sie in die Hölle kommen, wir möchten Sie nur retten"

BOAH, EY, gut, maximale Feindseligkeitsstufe ausgepackt:
"Da eh jeder Gott dem jeweils anderen mit Hölle droht, können die das dann da oben einfach unter sich ausmachen und ich verbring meine Zeit in der zollfreien Sicherheitszone vor dem Abflug!"

"Aber es gibt nur einen Gott"

Wieso hab ich mich nur darauf eingelassen, aber gut, sollen sie ihr Spiel haben: "Sagt wer? "

"Die Bibel?"

BÄM, Schiff versenkt: "Die Bibel ist nun wirklich kein Beweis. Wie häufig wurde sie umgeschrieben? Was ist mit den Schriften, die nicht Teil des Kanons wurden? Und der Rest interessiert mich auch nicht, mein Zug kommt bald, Danke."

Der Partner versuchte noch ein Gespräch, aber ich zeigte auf meine Uhr. Sie zogen ab...

"Der Zug hat voraussichtlich 10 Minuten Verspätung"

*seufz*

...

Nach 10 Minuten kam er jedoch wirklich an. Mein Wagen war nicht an der Position, die ich laut Plan annahm. Also rannte ich weiter Richtung Ende des Zuges, da ich davon ausging, dass nach der 23 die 24 käme. Es kam aber, wie ich dank der tollen Beschriftung, die strategisch günstig kaum lesbar irgendwo eingeblendet war (und die man nur las wenn man schon von der Menge fast in den Zug gedrückt wurde) entnehmen konnte, die 22.

Super, falsch gelaufen.

Also schnell umgekehrt, zurückgerannt, eingestiegen...
... und wieder so eingestiegen, dass meine Nummer am anderen Ende des Waggons stand. Ich mich also an alle vorbeigedrückt, höflich Platz gemacht, daraufhin dann auch allen anderen 50 Leuten, die vorbei wollten, Platz gemacht, mich hinsetzen wollen und...
... da saß schon jemand?! WTF?

"Entschuldigen Sie, eigentlich hatte ich reserviert"... als ich den verdutzten Blick des Mannes sah und ich erkannte, dass vor mir ein Platz frei war, reagierte ich ganz gelassen:

...."Ach egal" und setzte mich auf einem anderen, nicht reservierten Platz, hin. Ich wollte nur meine Ruhe.


Der Zug kam insgesamt gut voran. Ich freute mich riesig, dass ich für meine Ausdauer belohnt wurde. Die Frau neben mir schien auch ganz nett zu sein - vor allem aber ruhig, unauffällig und ohne großen Redebedarf. Praktisch, so konnte ich meine Serie auf dem Tablet genießen.

"Aufgrund einer technischen Störung..." - alle seufzten. Ein Mann fragte den Kontrolleur, wie lang die Verspätung voraussichtlich sein würde. Er könne das nicht wissen, entgegnete er, denn das erfahre er immer kurz vor dem Ziel

"30 Minuten!", entgegnete eine Frau neben dem Mann. Der Kontrolleur war sichtlich erbost: "Gut, dass wir das immer später erfahren als unsere Kunden" und grummelte davon. Mir wurde langsam klar, dass die Handy-Abteilung der Bahn einen Privatkrieg mit den Schaffnern führte... Vermutlich würde es nicht mehr lang dauern und auch die Kontroll-Routen würden veröffentlicht.

Wir warteten auf den Gleisen. Ein ICE war wohl liegen geblieben und deswegen konnten wir nicht weiterfahren. Gut, es merckerte niemand. Schließlich hatte keiner Lust auf einen Auffahrunfall mit einem liegengebliebenen ICE. Wer weiß, was geschehen war... vermutlich die Klimaanlage defekt oder die Batterie war alle, wer weiß das schon bei diesen Zügen. Vielleicht war auch die Boardtoilette defekt? Immerhin hatte die Bahn sich damit besondere Mühe gegeben. Woher ich das weiß? Nun...

... Vor mir war ein QR-Code auf den Sitz geklebt. Ich scannte diesen ein und landete auf einer "Wie gefällt Ihnen die Reise"-Umfrage. Neben den üblichen Punkten widmeten sich zwei Seiten an Umfrage nur der Boardtoilette. Ob mir das Design aufgefallen war, wie ich es empfand. Meine Antwort: Keine Ahnung. Bevor ich eine Toilette der Deutschen Bahn verwende würde ich lieber mit einer kaputten Gasmaske und einem Handfeger die Kanalisation reinigen.

Der Zug fuhr endlich weiter. Um mir die Zeit zu vertreiben, wollte ich das WLAN des Zuges nutzen. Natürlich war das Ding nicht kostenlos, daher musste ich tief in die Tasche greifen. Ich hätte auch gerne gegriffen, aber bei den Bezahlmethoden gab es Paypal, die Kreditkarte und die Bezahlung per SMS.

Da Paypal bei mir mobil nicht wollte (ich war versiert genug um es nach dem fünften Versuch zu merken) und ich bei der Enge im Zug bestimmt nicht meine Kreditkartendaten eingeben wollte, wählte ich das Bezahlen per SMS...
... was mir aber nicht genehmigt wurde: Zurückgewiesen von meinem Anbieter, der mir dann eine SMS zusandte um sich zu erklären:

Aus Sicherheitsgründen habe man diese Funktion, die in der Vergangenheit wohl zu unliebsamen Überraschungen bei den Eltern ihrer hyperaktiven Abo-abschließenden Chantals und Justins geführt hat, abgeschaltet. Ich könne sie aber aktivieren, wenn ich den Betrag Bar beim örtlichen O2-Shop hinterlege.
Klar... ich ziehe an der Notbremse, trampe zum nächsten Shop, hinterlege das Geld... und warte nochmals zwei Stunden, bis der Vorgang abgeschlossen ist. Sicher, völlig normale Routine und so lebensnah. Diese Leute bei O2 muss man einfach für ihr Mitdenken bewundern - so praktisch sind eigentlich nur ehemalige Staatskonzerne veranlagt.

Also eben kein WLAN, dafür aber mit Gesprächen mit Leuten, die im Zug spontan zu Gesprächen aufgelegt sind, weil ihnen langweilig ist. Man muss der Bahn an dieser Stelle danken, dass sie - gleich dem Wetter - immer für einen Small Talk gut ist (manchmal sogar in Kombination): "Das Wetter ist zu heiß für die Bahn, die fiel aus", " Mein Zug fiel aus", "Mein Zug kam verspätet", "Ich schaffte es nicht rechtzeitig zum Anschlusszug".

Apropos Anschlusszug: Wir schafften es tatsächlich so geschickt anzukommen, dass ich - obwohl ich vom Berliner Hauptbahnhof Tief mit Bergsteigerausrüstung zum S-Bahn-Bahnhof oben olympischer Rekordhalter wurde - den Zug um 10 Sekunden verpasste. Der nächste Zug fuhr aber nur 20 Minuten später - ich ließ den Kopf sinken und während ich wartete, kamen wieder die Zeugen Jehovas mit ihrem Rollwagen vorbei. Es waren andere, aber es war derselbe Verein - nur ihre Strategie hatte sich geändert...


... eine Frau kam auf mich zu und sprach mich an: "Guten Tag, wir würden gerne mit Ihnen über ein Thema reden... glauben Sie an Gott?"

Etwas weiter hinten standen die beiden, vermutlich auf meine Antwort wartend. Jetzt war Vorsicht angesagt. Andererseits war ich müde: "Nein". HA, großartig, wieso bin ich nicht früher darauf gekommen?!

"Das ist schade. Wissen Sie, Gott...."

Und los ging's. Ich glaube, diese Leute sind auf alles vorbereitet und haben vermutlich auch schon alles gehört. Ich beschloss, die Strategie zu ändern und hörte einfach zu. Ich nickte immer und sagte: "Interessant!". Als mein Zug ankam, stand ich auf und sagte: "Die Zeit verging wie im Fluge. Ich melde mich bei Ihnen!" und rannte schnell rein. Fies, aber innerlich war ich schon vor zwanzig Minuten eingeschlafen, so konnte ich im Wagen dann auch die Augen wirklich schließen...
Der Zug fuhr los...

"Aufgrund von technischen Schwierigkeiten..."

Und da standen wir nun 15 Minuten. Mich überraschte mittlerweile gar nichts mehr und der Wunsch stieg in mir hoch, endlich anzukommen - was dann auch irgendwann geschah. Mein ursprünglicher Zeitvorteil von drei Stunden reduzierte sich damit auf nicht mal einer Stunde. Als ich ankam, fiel ich ins Bett und war mir sicher:

Jetzt verstehe ich, warum die Bahn so "beliebt" ist.


Ende.

Mittwoch, September 14

Sänk you for travelling wiff Deutsche Bahn (1)

Gleich angemerkt: Ich fahre gern mit der Bahn. Gerade in und Richtung Berlin ist die Anbindung praktisch problemfrei.
Aber der Fernverkehr ist etwas, was man wohlwollend als "optimierungsfähig" bezeichnen kann. Nachfolgend eine Beschreibung von Hin- und Rückfahrt nach Paderborn...

Ich hätte skeptisch werden müssen: Als ich die Verbindung gebucht hatte, war der ganze Spaß mit nur drei Umstiegen gekennzeichnet. Eigentlich ideal, sollte man meinen: "Steigste ein, biste da, jo" (bis auf das "jo", das wurde eingefügt um modern zu wirken. Wahlweise auch irgendwo "isch" einsetzen, kommt immer gut).
Doch zwei Tage später erhielt ich eine Nachricht, dass mein Zugplan sich geändert hätte. Ich blickte drauf und wunderte mich: Wie bitte?! Ich muss, um von meiner Stadt über Berlin nach Paderborn zu gelangen tatsächlich nochmals so häufig umsteigen? Mit dem Bus fahren? Und dann noch einige Schritte zu Fuß? Mit der angenommenen Umstiegszeit von einer Stunde? Was bin ich - eine altersschwache Galappagosschildkröte?!

Gut, Sekunde, tief Durchatmen: Rufen wir doch beim Reisezentrum der Deutschen Bahn an. Dort, bekanntlich, ist alles wunderschön, weil - wir halten fest: Der Kunde steht im Mittelpunkt.
Erst einmal stand ich jedoch "an", nicht in der Mitte. Eine freundliche weibliche Stimme erzählte mir am Apparat, dass man mir viel besser helfen könne, würde ich mein Anliegen besser formulieren. Ergo sollte ich mich durch ein Telefonmenü hangeln, das eigentlich sehr unkompliziert wirkte - aber irgendwie auch nicht:

"Bei Fragen zu Ihrer Buchung, zum Buchen einer Frage, zum Ihrer einer Buchung oder falls Sie Fragen zum Reisen einer Buchung haben, drücken Sie mit der flachen Hand auf Ihre Stirn - oder sagen Sie: OMFG!!1"

OMFG!!

"Entschuldigen Sie, ich habe Sie nicht verstanden"

Oh, ich hatte die "1" vergessen, ok, nochmal: OMFG!!1

Vielen Dank!

Nach nur 15 Minuten, drei Tassen Kaffee und einer Line Aspirin kam ich schon dran. Ein freundlicher Mitarbeiter, der seinen Namen dahernuschelnd entweder für die Deutsche Bahn oder Tony Montanas Pizzaservice arbeitete, hörte sich meine Frage nach einer alternativen und trivialeren Verbindung, bei der ich weder meine Reservierung verlieren, noch irgendwann zwischen Mitternacht und 2025 ankommen würde, an. Er meinte, ich solle zum Reisecenter und dort ein neues Ticket buchen. Wow: Echt jetzt?! Wieso hab ich angerufen?!
Ich wies darauf hin, dass ich ein Flexiticket hätte und... "Ach na denn ist das eh kein Problem". Äh... wie, was, wo?! Was ist kein Problem? Aber ich blieb ruhig, der Mann machte schließlich auch nur seinen Job und am Telefon bin ich immer äußerst geduldig.
Bin ich ohnehin immer beim Support, da die Leute nichts dafür können. Als ich damals die Jungs von der FritzBox anrief und mir eine freundliche Dame nach meiner umfassenden Problembeschreibung zum ausgefallenen Router riet, die Wissensdatenbank online zu durchsuchen, blieb ich auch ruhig. Auch dann, als sie auf meinen beginnenden Einwand konterte, dass sie mir einen Link per Mail senden würde: Ich blieb ruhig.

Wie dem auch sei: Ich erhielt dann letztlich die Auskunft, dass sie mir keine Auskunft erteilen könnten. Reservierungen gingen am Telefon schon gar nicht - bitte ins Reisecenter!

Danke, ich hätte gern meine zwanzig Minuten Leben zurück...

Gut, man ist ja nicht ganz tassenlos im Oberstübchen, ergo die Verbindung angeguckt und festgestellt: Der ICE ab Berlin fährt regulär - lediglich die Verbindung dorthin ist unterbrochen und anstatt vorzuschlagen, dass man einige Verbindungen davor losfährt, wird einem eben gesagt: "Nee, du, buch halt um". Aber ohne mich: Frau verpflichtet, Taxi zu spielen und Zack, ab zu einer Stadt vor Berlin, in den Zug und "Juhuuu", in den ICE.

Bis heute habe ich nicht entschlüsseln können, wo genau die Sitzplatzzählung beginnt und wo sie aufhört - ich habe das Talent, grundsätzlich immer falsch einzusteigen, was dann bedeutet, dass ich mich von Platz 15 zu 85 vorarbeiten muss. Wer dabei EIN mal den Fehler macht, so höflich zu sein und drei, vier Leute vorbei zu lassen, der wird auch noch genötigt, Nummer fünf, sechs, sieben.... 426 vorbei zu lassen. Als ich meinen Platz erreichte, waren wir fast schon an den nächsten drei Bahnhöfen vorbei.

Als ich saß kam die Durchsage, dass Wagen Nummer 27 heute leider keine Fahrgäste aufnehmen könne, denn die Klimaanlage sei defekt. Aber man könne ja den ICE eine Stunde später nehmen. Als Dankeschön für das Verständnis gäbe es einen Reisegutschein in Höhe von 25 Eur. Super: Unternehmensbindung trotz Frustaufbau, geniale Idee. Auch praktisch auf anderen Gebieten: "Oh, entschuldige bitte, dass ich dir Ebola in die Blutkonserve geschmuggelt hab. Aber hey, nimm doch diesen Medikamentengutschein und komm bald wieder!"

Ich saß nicht in der Nummer 27. Ich saß dort, wo alle Fahrgäste aus 27 und womöglich aus anderen 27ern anderer ICEs beschlossen hatten, den Zug aus Trotz nicht zu verlassen und dem ICE einen Flair eines indischen Zugs zur Rush hour zu verleihen. Wann immer jemand vorbei musste, wurde gelacht und gegröhlt als hätte jemand kostenlos Sangria-Eimer verteilt. Erleichtert war ich, dass der Zug schnell genug fuhr. Ich betete darum, denn ich wollte nicht noch Pokemon-Jäger im Gang haben, die mir einen Pummeluff von der Rübe schossen.

Zwischendurch stieg die nette Dame neben mir aus. Zwanzig Sekunden später setzte sich ein mir unbekanntes Kind neben mich hin, legte die Hände seufzend auf die Knie und schloss die Augen. Störte mich nicht: Vermutlich war es eins der Kinder aus dem Gang und wenn die was zum Sitzen haben: why not. Besser als mit der Mallorca-Manege weiter Zirkus zu spielen.

Ich schaltete die Musik auf meine Kopfhörer und war weg. Nur um dann später geweckt zu werden: "Huhu, aufwachen! Ich hab reserviert!" - etwas benebelt antwortete ich, dass ich bereits reserviert hätte, die 85 sei meine. Da meinte die mich aufweckende Frau, dass sie gar nicht die 85 meinte, sondern die 87. "Mit der habe ich aber nichts zu tun", konterte sich, worauf wir dann beide verdutzt auf das Kind starrten. "Ach das ist gar nicht Ihres?" - "Äh, nö?". "Ja, wer bist du denn?" Schwupps, das Kind rannte weg.
"Entschuldigen Sie, dachte das wäre Ihr Kind".

Sicher, weil ich immer nur für mich allein reservieren und mein Kind einfach so auf fremde Plätze sitzen lassen würde. So bin ich nun mal...
... nicht!

Aber ich blieb ruhig. Blieb ich stets. Auch als ein rheinischer Schaffner durch den Gang marodierte und sich über die Handynutzer beklagte: "Würden Sie sterben wenn Sie das Ding mal nicht hätten?", sagte er zu einer Frau, die etwas verdutzt dreinblickte: "Äh, nein? Aber hier, mein Handyticket".
Man konnte am Gesicht des Schaffners erkennen, dass sein Verstand kurz davor war, mit einer Saturn-Rakete die Erdanziehung zu überwinden: "Wer immer den Scheiß erfunden hat, sollte geschlagen werden. Da sind wir uns alle einig".
Die Frau lachte. Ich glaube, sie verstand den Ernst der Lage nicht. Ihre Nachbarin versuchte verzweifelt die Situation zu entschärfen: "Kommen Sie aus NRW?"... Super, dachte ich mir: Genau sowas entschärft immer alles. Kennt man aus diversen Spielen, wenn einem ein Gegner auf die Nase schlagen will: "Entschuldigen Sie, sind Sie ein Zombie aus dem Hive?"

Die Frage beantwortete er knapp mit "Ja" und ging entsprechend gelaunt zu mir rüber. Ich habe nur das Papier gereicht und war erleichtert, das Handy gut versteckt zu haben. Blöd, dass ich die ganze Zeit ein Tablet nutzte. Super gemacht, ehrlich...
Nachdem ich zu meinem Ticket noch meine Bahncard, meinen Perso, meinen Organspendeausweis und mein Testament rüberreichen musste, knippste er mir irgendwas aufs Papier und war weg (und ich erleichtert). Weiter ging es nach Bielefeld, wo der Zug dann einen Stopp einlegte. Dort stieg ich aus und freute mich, dass der Zug keine Verspätung hatte. Ich ging zu meinem Gleis und wartete, da ja der Anschlusszug erst in 20 Minuten antanzte.

Dann die Information: Der Zug würde sich verspäten. Kollektives Seufzen am Bahnsteig.
Noch eine Information: Technische Schwierigkeiten. Noch mehr Seufzen.
Dann die finale Ansage: Personen auf dem Gleis, Zug fällt aus. Aber die nächsten Reisemöglichkeit nach Padeborn wäre... am selben Gleis. In einer Stunde. (nach solchen Ansagen warte ich immer auf den Tusch der Band, aber der kam nicht). Ergo: Warten war angesagt.

Also ging ich auf dem Bahnhofsgelände herum. Ich kaufte mir ein Brötchen für 2.80 Eur. Es war klein und ich fragte ihn, ob für den Preis Platin im Brötchen war: Von der berühmten rheinischen Heiterkeit war in dem Moment nicht viel zu spüren...
Mit einem Getränk und einem Brötchen verbrachte ich dann im Stehen die Zeit. Menschen, die andere um Geld anbettelten, fragten mich gar nicht erst: Vermutlich sahen sie meinem Getränk und meinem Brötchen an, dass ich faktisch pleite war. Meine Ruhe hatte ich sicher und irgendwann auch den Zug.

Der, wiederum fuhr. Aber er fuhr zwischendurch aufgrund von technischen Störungen teils Schrittgeschwindigkeit: Schon hatte ich Angst, dass die Pokemonjäger herumwatscheln würden. Ich dachte zurück, warum ich überhaupt gewartet hatte und da fragte ich mich, ob nicht irgend ein Pokemon-Wandersmann aus Versehen einen Relaxo bis zum Eintreffen des Zuges gejagt hatte. Sowas passiert eben, hört man immer wieder.

Irgendwann kam mein Zug an und kurz danach bin ich halb tot ins Hotel-Bett des nicht klimatisierten Hotel-Zimmers gefallen. Ich dachte, ich hätte alles erlebt...

... ich hatte nicht mit der Rückreise gerechnet.

 (to be continued)

Freitag, September 2

Surfen auf der Survival-Welle bis der Arzt kommt...

Wirft man einen Blick - insbesondere auf die Early-Access-Rubrik - von Steam, kommt man nicht um den Eindruck herum, irgendwer hätte ein geheimes Buch der "tollsten Ideen, die bestimmt ein Erfolg werden!" aufgeschlagen und dort den Finger auf ein ganz neues Genre gelegt: Survival Spiele.

Seit diesem Urknall haben wir ein Universum voller Untertypen: Kämpf um dein Überleben unter Wasser, kämpf um dein Überleben im Weltall, kämpf um dein Leben während dir ein T-Rex im Nacken sitzt oder kämpf um dein Überleben, während du bei deinen Schwiegereltern übernachtest...
Für sich genommen alles gute Ideen - aber irgendwo auch repetitiv.

Mittlerweile stellt man sich instinktiv darauf ein, immer ums Überleben zu kämpfen - und letztlich war es nie anders: In Donkey Kong versuchte man den Kampf gegen die rollenden Fässer zu überleben, weil schon damals die blöde Prinzessin einen Hang dazu hatte, sich von irgendwem entführen zu lassen. In der Super-Mario-Reihe (die absolute Vollendung des Entführungs-Fetisches der holden Maid) musste man gleich mehrfach gegen den virtuellen Tod ankämpfen, weil einem Flora und Fauna nicht positiv zugetragen waren.
In "Summer Games" (und "Winter Games") hatten mehr die Joysticks die Überlebensfrage vor sich. In Lemmings waren es - Überraschung! - Lemminge (und Computermäuse). In Tetris musste man den Kasten sauber halten - wobei auf dem Gameboy ohnehin die Batterien vorher den Geist aufgaben. Meistens dann, wenn man sie am dringendsten brauchte...

Und wie war es nochmals in den MMO-Welten? Ah, da bestand die Herausforderung darin, nicht an der steilen Lernkurve ins Jenseits zu rollen (an die EVE-Online-Spieler: Respekt, ihr habt es geschafft).

Kurzum: Es ging stets und immer und überhaupt ums Überleben. Das Genre ist nicht neu, neu ist jedoch den Hang, diesen Kampf nicht einmal mehr zu tarnen, sondern ihn so zu präsentieren, quasi roh. Das, gepaart mit der eigentlichen Botschaft: "Mehr Sinn gibt es nicht, beschäftige dich gefälligst selbst" ist der neue digitale Minimalismus, der auch noch Spieler zur Kasse bittet. Das letzte Tabu ist aber auch gebrochen: No Man's Sky wird zum Vollpreis angeboten, ist im Kern aber so langweilig wie die Live-Übertragung der internationalen "An die Wand starr"-Weltmeisterschaften (Hugo Weißwand war im 20-Meter-Fassadenstarren eindeutig mein Favorit!)

Da die Games-Industrie alles totreiten muss, würde ich bitten, dieses kleine Genre auch bei dem zu belassen: klein. Ich würde gerne weiterhin die runde Story einer Deus-Ex-Reihe genießen dürfen, bzw. m,ich in den Weiten einer Privateer-Welt (ich gebe die Hoffnung NICHT auf!) verlieren können, während mir gute Storyschreiber eine passende Geschichte liefern und das Spiel auch ein Ende hat.

Denn wenn ich nur des Bastelns wegen basteln möchte, dann kann ich auch gleich einen Sandburgen-Simulator nutzen. Die passende Technik gibt es dazu schon.

Wobei... guckt weiter, ihr habt nichts gesehen *Notiz macht und klammheimlich den Raum verlass*

Day-0-Patches - Folgen der Publisher-Peitsche

Hand aufs Herz, liebe Entwickler: Wenn es nach euch ginge, würdet ihr euer Baby doch erst dann auf die freie Welt loslassen, wenn es so richtig fertig wäre - mit Kopf, Beinen, Armen, usw.: alles, was ein Baby so benötigt. Dann kann man als Vater auf sein Projekt blicken und sagen: "Joa, gut geworden!".

Leider hat man als Entwickler den Zeitpunkt der "Geburt" nicht zu 100% in der Hand, denn hinter einem erfolgreichen Dev steht häufig ein Publisher, der wiederum Rendite sehen möchte. Cash, Zaster, Penunzen - am besten sofort und in Massen. Wenn man bei der Geburts-Metapher bleiben möchte, kommt der Publisher eher einem übereifrigen Arzt am nächsten, der einem ständig vorschlägt, mit einem Pümpel das kleine Ding rausploppen zu lassen.
Der Vollständigkeit halber sei übrigens noch die PR-Abteilung erwähnt - das sind die, die dem digitalen Kind Namen wie "Superspace Divided", "God's Death", "The Last Terminator" geben, sprich: dem Äquivalent zu Justin-Chantal, Kevin-Andrea-Mary-West.

Die Quittung? Ein unfertiges und kaum getestetes Spiel wandert in die Bibliotheken zahlreicher Spieler, die dann wiederum ziemlich frustriert über den Äther ihrer Wut freien Lauf lassen. Früher hatte man dabei noch grinsend in Richtung PC-Spieler geschielt und "Haha!" gerufen - heute darf man ans Konsolero sein Spiel nach der Installation erst mal patchen. Entschuldigt kurz: Wieso darf ich als Konsolenspieler nochmals ein paar Euros drauflegen? Ich, äh, komm gerade nämlich nicht drauf...

Das Schlimme ist, dass der Shitstorm dann auf jene niederregnet, die es eigentlich nur zum Teil verdienen. Als Dev - wenn auch nicht in der Spielebranche - muss ich sagen, dass gut Ding seine liebe Weile benötigt. Aber richtig ist auch, dass wir Spieler nicht ganz unschuldig an der Misere sind: Immerhin sind unsere Ansprüche mit den Preisen über die Jahre gewachsen.

Gut, das wiederum ist verständlich: Wer bezahlt schon gerne mehr für weniger Produkt? Seit Jahren werden uns Anleitungen vorenthalten - andere Goodies sowieso. Mittlerweile ist das, was wir früher in einer Packung hatten, Teil einer nicht selten mindestens doppelt so teuren Collector's Edition geworden, die ihren Namen zwar verdient, aber den Preis oftmals nicht.

Aber - und ich hasse es schreiben zu müssen, da ich doch selbst Spieler bin - müssen wir mit unseren Forderungen realistisch sein: Wir haben das Recht auf ein spielbares Spiel, ja, aber etwas Empathie würde helfen, Bugs und Co. hinnehmen zu können - und zu müssen. Denn Fakt ist, dass Software schon komplex genug ist - aber die Hardware vor Ort kann unterschiedlicher nicht sein und auch Konsolen sind mittlerweile komplexer als noch der Handheld, den wir zu Beginn der 90er in den Händen hielten.

Müssen wir uns den Schuh nun anziehen? Nicht allein und auch nicht jeden: Denn die Korrektur ist immer noch Aufgabe der Devs, also sollen sie auch liefern.
Doch auch die erwähnten Devs tragen dazu gut bei: Nach PR-Aktionen wie geschlossene und offene Beta-Tests, deren Ergebnisse nicht selten in die 0-Day-Patches einfließen, unzähligen vermeintlichen Leaks, Vorab-Tests und dem geliebten wie verhasstem viralen Youtube-Marketing ist es kein Wunder, dass man eine ziemlich heiß gemachte Gemeinschaft hat, die das Ding endlich in den Händen halten muss.

Und was macht der Publisher? Der outsourced, so wie den Frust, auch die Lust an die Devs, die ihrerseits um ihr Leben fürchten müssen, wenn nur einer aus dem Team es wagt offen auszusprechen, was der Rest denkt: "Also noch einen Monat könnte das Spiel schon gebrauchen"....

Wer kommt dann damit durch? Richtig, der Publisher. In der Regel ist er ohnehin selten im Fokus - wobei es Ausnahmen gibt: Electronic Arts, kurz: EA, hat so viel negatives Karma angereichert, das man meinen könnte, die Chefs hätten in der Hölle einen Parkplatz neben dem des Teufels. Aber (und das ist wichtig): Die Jungs sind auch Hersteller. Ergo passt alles wie A... auf Eimer.

Andere kommen damit durch und daher muss ich an dieser Stelle die Jungs von der digitalen Entwickler-Front in Schutz nehmen. Ja, sie sind nicht immer Helden und ja, sie sind manchmal vollmundig in ihren Versprechungen. Aber das nächste mal, wenn ihr, liebe Spieler, wütend seid: Lasst etwas Frust auch an den Publishern aus. Zu glauben, dass die keine Mitschuld tragen, wäre einfach nicht gerecht.

Und auch nicht wahr.

Dienstag, Februar 23

Der Griefplayer, das unbekannte Wesen

Folge 6 der Chaoswelten beschäftigt sich heute mit dem Homo Stupidus, oder kurz: "Griefplayer". Den Gastauftritt hat heute eine "Psychologin" mit einer ganz eigenen Erklärung dafür, was genau bei jenen Menschen schief läuft, die anderen einfach nur das Spiel verderben möchten - buchstäblich.

Viel Spaß beim Zuhören!


Mittwoch, Februar 17

Ist das Gefährte oder kann das weg?

Wer schon immer etwas darüber wissen wollte, was ein Begleiter ist, wofür sie gut sind und wie verschiedene MMOs diese handhaben, bzw. wohin die Reise gehen könnte, der wird in der neuesten Fassung zu Namidhs Chaotischen Welten fündig.

Viel Spaß beim Reinhören!